Dr. Stefanie Graefe: Für mich war die wichtigste Erkenntnis, dass die schönsten Inhalte nichts nützen, wenn ich mich nicht immer wieder sehr konkret vor jeder Sitzung bzw. dem ganzen Semester oder vor der Seminarkonzeption frage, was ist wirklich das Lern

Stefanie Graefe

LehreLernen: Stellen Sie sich kurz vor!

Stefanie Graefe: Mein Name ist Stefanie Graefe, ich arbeite seit fast sechs Jahren hier am Institut für Soziologie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und vertrete im Moment die Professur für Vergleichende Gesellschaftsanalyse. Dementsprechend habe ich inzwischen mehrere Jahre Lehrerfahrung. Ich habe vorher als Lehrbeauftragte an der Universität in Hamburg gearbeitet, mache außeruniversitär gewerkschaftspolitische Erwachsenenbildung und habe in Hannover eine ganze Reihe von Lehraufträgen im Weiterbildungsstudiengang "Arbeitswissenschaft" abgehalten. Ich habe somit eine recht breite Erfahrung mit Lehre gehabt, schon bevor ich mit dem Kurs angefangen habe.

LL: Was hat Sie motiviert am LehreLernen-Workshop teilzunehmen?

SG: Ich habe den Advanced Kurs gemacht und dann zusätzlich noch an zwei Workshops teilgenommen. Der eine liegt schon ganz lange zurück und der andere war jetzt kürzlich. Mein Motiv war eigentlich das, was wir in unserer alltäglichen Lehrpraxis ja permanent tun: Mit Studierenden arbeiten und versuchen, Inhalte zu vermitteln. Wir tauschen uns über das "Wie" der Vermittlung dabei aber eigentlich nur wenig aus. Zudem gibt es absurderweise keine Didaktikausbildung für Hochschullehrende. Mir schien es wichtig, tatsächlich mal aus diesen Bereich des Halbbewussten herauszutreten und dieses "So macht man das eben", "Das hat sich bewährt", "So kennt man das auch noch aus dem eigenen Studium" und "Dann baut man mal hier und da was Neues ein", systematischer zu überdenken und zu reflektieren. Zudem war auch die Motivation, einfach Anregungen zu bekommen, weil die Probleme, die in der Lehre auftauchen, natürlich häufig immer die gleichen sind. Ich merke, dass ich mit meinen eigenen Lösungsstrategien eben nicht unbedingt immer weiter komme. Das war eigentlich mein Hauptmotiv.

LL: Wenn Sie an dem Workshop/den Kurs zurückdenken, was war für Sie die wichtigste Erkenntnis dabei, die Sie daraus gezogen haben?

SG: Ich glaube, die wichtigste Erkenntnis ist eigentlich eine Veränderung in der Haltung. Gerade in den Sozialen und Geisteswissenschaften ist es ja so, dass wir sehr sehr stark auf die Inhalte fixiert sind. Die traditionelle Hochschullehre sieht vor, dass der/die DozentIn ExpertIn für ihr Fachgebiet ist und dieses dann vermittelt. Die Frage des Adressaten, also der konkreten Studierenden mit ihren Aufnahme- und Weiterverarbeitungskapazitäten, kommt absolut an sekundärer, wenn nicht an tertiärer Stelle. Für mich war die wichtigste Erkenntnis, dass die schönsten Inhalte nichts nützen, wenn ich mich nicht immer wieder sehr konkret vor jeder Sitzung bzw. dem ganzen Semester oder vor der Seminarkonzeption frage, was ist wirklich das Lernziel? Was soll wirklich gelernt werden und wie kann ich das über den Spannungsbogen eines Semesters oder einer Seminarsitzung hinweg tatsächlich auch erreichen? Es reicht nicht, wenn ich thematisch entscheide, welche Inhalte zu dem Thema x oder y unbedingt dazugehören und diese dann abarbeite. Dies kann sogar unter Umständen kontraproduktiv sein, weil es einfach zu viel ist, zum Beispiel. Es kann auch zu wenig systematisch aufeinander aufgebaut sein. Ich muss mich also umgekehrt fragen, was sollen die Studierenden lernen? Und was brauche ich dafür, damit sie das auch lernen können? Das ist ein anderes Herangehen.

LL: Welche Inhalte haben Sie als besonders wichtig empfunden?

SG: Das waren viele verschiedene, aber wir haben uns z.B. relativ intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, was die Studierende dazu motiviert, selbstständig Inhalte zu vertiefen. Dazu habe ich auch einen Einzelworkshop besucht. Da ging es darum, sich die Frage zu stellen: Wie kann ich erreichen, dass die Motivation geweckt wird und die Studentin auch selbstständig und auch ohne Prüfungsdruck im besten Falle weiter am Thema arbeitet? Dies fand ich sehr hilfreich. Dann haben wir uns die verschiedenen Stadien von Lernprozessen angesehen: Wie laufen Lernprozesse ab und wie kann man eben auch schwierige Inhalte vermitteln bzw. in welche Einzeletappen kann man einen Lernprozess aufteilen? So wird es möglich, den Schwierigkeitsgrad kontinuierlich zu steigern. Es passiert häufig, dass von Vornherein vorausgesetzt wird, dass jemand, der oder die an die Universität kommt, beispielsweise abstrakte theoretische Texte einfach lesen können muss und sonst eben Pech gehabt hat. Wenn ich das so nicht will, muss ich überlegen, wie ich das in kleine Schritte aufteilen kann, um es verdaulich zu machen. Das waren zwei Hinweise, die ich gut fand. Dazu kommt die starke Betonung der Bedeutung von Gruppenarbeit. Am Institut arbeiten wir alle immer mal wieder mit Arbeitsgruppen. Das ist aber in einem großen Seminar und bei 90 Minuten natürlich oft auch schwierig. Aber allein dieser Hinweis darauf, wie wichtig es ist, dass alle Inhalte auch nochmal eigenständig diskursiv von den Studierenden verarbeitet werden, war für mich zentral.

LL: Würden Sie sagen, dass die Erwartungen, die Sie am Anfang hatten, nach dem Kurs erfüllt worden sind, oder Sie ihre Ziele damit erreichen konnten?

SG: Was den Input von Seiten des Kurses oder von Seiten von "LehreLernen" angeht, würde ich das auf jeden Fall sagen. Vielleicht eine Sache nochmal ganz kurz, die ich extrem hilfreich fand: Eine Seminarsitzung wird auf Video aufgenommen und danach kommentiert und besprochen. Das war für mich das Highlight an dem Ganzen. Man kommt dabei weg von dieser allgemeinen Ebene von Lernkonzepten usw., also weg von dem "Wie macht man es?" zu: "Wie machst du es konkret und wie kannst du es besser machen?" Das ist unglaublich bereichernd. Dabei ist mir nochmal aufgefallen, dass es ein Skandal ist, dass so etwas nicht systematisch zu der Ausbildung von Hochschullehrenden gehört. Jede Lehrerin muss sich im Referendariat dieser Situation aussetzen, wir müssen es nie. Das Angebot hier ist freiwillig. Daran sieht man auch, wo die Grenzen sind, weil der Workshop einmal stattfindet, vielleicht kann noch einmal teilgenommen werden, aber es ist eben nicht systematischer Teil meiner alltäglichen Arbeit. Viele von den Dingen, die wir besprochen haben, kann ich aufgrund der spezifischen Bedingungen, wie sie an einer Massenuniversität herrschen, sowieso auch nicht so umsetzen, wie ich das gerne würde. Deswegen würde ich sagen, meine Erwartungen sind erfüllt. Das bedeutet aber noch nicht, dass meine Lehre so ist, wie ich sie gerne hätte.

Das Interview ist gekürzt. Die vollständige Fassung finden Sie in der MP3-Datei hier.

Das Interview führte Josephin Hartmann; Transkription Carlos dos Santos.

Josef Rademann Übersicht Dr. Michael Markert